|
|
ZEIT FÜR
LIEBE
-
SEX, INTIMITÄT & EKSTASE IN BEZIEHUNGEN
Diana Richardson
Kapitel 5
|
 |
Zur Unschuld
zurückkehren: Die Schlüssel zur Liebe
Beim konventionellen
Sex können wir unseren Körper mit einer offenen Blüte
vergleichen, deren Blütenblätter sich nach außen hin
öffnen und in die Welt hinein reichen. Die Energie wird primär vom
Zentrum hinweg nach außen getragen, unsere Aufmerksamkeit richtet sich
auf den anderen.
Durch den
Körper leben lernen
In Tantra wird die
Blüte bewußt nach innen gewendet, die Blütenblätter werden
zur Mitte hin gezogen und in Richtung auf den Kern gedreht, so als würden
sie wieder zu einer Knospe werden. Die Energie geht hauptsächlich in die
Richtung unserer eigenen Mitte. Die "Schlüssel zur Liebe" werfen
uns nach innen zurück, damit wir uns auf uns selbst und unseren inneren
Raum konzentrieren, den wir bewußt erschaffen und erweitern müssen.
Die "Schlüssel zur Liebe" helfen uns, unsere Aufmerksamkeit von
der Peripherie nach innen, zum Kern zu richten und versetzen uns in die Lage,
unsere Bewußtheit auf das Innere unseres Körpers zu konzentrieren.
Indem wir unser Bewußtsein im Körper verwurzeln und den Körper
als konstanten Bezugspunkt benutzen, werden wir fähig, immer mehr im
gegenwärtigen Moment zu bleiben. Tatsächlich ist der Körper das
einzige, was immer im jetzigen Augenblick lebt, und wenn wir lernen, durch den
Körper zu leben, erhöhen sich unsere Chancen, rundum glücklich
zu sein. Wir lassen den verstrickten, gequälten, herumstreunenden Verstand
zugunsten der einfachen, gottgegebenen Freuden des Fleisches
zurück.
Das Tantra
zugrundeliegende Thema, die Polarität, durch die die Genitalien eine ihnen
eigene Energie erzeugen, beginnt sich ganz von selbst abzuzeichnen, wenn wir
bewußt Liebe machen, besonders wenn es kontinuierlich geschieht. Mit dem
Wissen über die Polarität und darüber, wie wichtig es ist, sich
der positiven Pole zu bedienen (was wir als "Hintergrund-Schlüssel
zur Liebe" bezeichnen könnten), machen die "Schlüssel zur
Liebe" den Körper zu einem Instrument, einem Anker und einer
Brücke, die uns in der sexuellen Gegenwart verwurzelt sein
läßt. Die "Schlüssel zur Liebe" werden uns zu
bestimmten Körperteilen führen, die uns Zugang zum "Hier und
Jetzt", zum gegenwärtigen Moment verschaffen.
Diese
"Schlüssel zur Liebe" haben mir viele tausend Mal geholfen, und
als ich mich Schicht für Schicht in sie hineinfallen ließ, wurde ich
langsam fähig, meine Bewußtheit in meinem eigenen Körper zu
zentrieren und mir wieder selbst zu vertrauen. Als Ergebnis dessen, daß
ich den Liebesakt nun bewußt vollzog, verschwanden alte sexuelle Wunden
aus meinem Körper, unterdrückte Energie wurde freigesetzt, und ich
war in der Lage auf einer höheren Frequenz zu schwingen.
Als ich damals in
Indien die "Schlüssel zur Liebe" zum ersten Mal einer Gruppe
Menschen aus dem Westen vorstellte, war ich verblüfft über die
geradezu sensationell schnellen Reaktionen. Die Atmosphäre war
getränkt von Liebe, sie sprühte aus den Augen der männlichen wie
weiblichen Teilnehmer. Wozu ich Jahre gebraucht hatte, nämlich das Alte zu
entwirren und es neu zu ordnen, geschah hier in ein paar Tagen. Das beruhigte
mich, denn es bestätigte mir, daß unsere Körper ganz instinktiv
ähnlich reagieren. Seitdem habe ich mit vielen Paaren gearbeitet und
herausgefunden, daß sie, egal ob sie noch Teenager oder schon über
sechzig, ob sie seit einer Nacht oder seit zweiunddreißig Jahren zusammen
sind, auf die gleiche Art und Weise reagieren. Aber ich möchte noch einmal
betonen, daß es ein kontinuierlicher Prozeß ist, durch die
"Schlüssel zur Liebe" "Präsenz" im Körper
herzustellen. Er hört nie wirklich auf. Obwohl sich anfangs ein
unmittelbares Gefühl von Verzauberung und eine entspanntere Einstellung
dem Sex gegenüber einstellen kann, braucht es doch seine Zeit, bis sich
die sexuelle Präsenz fest im Körper verankert hat. Man kann einfach
nicht erwarten, sich plötzlich in eine ganz neue Seinsweise zu begeben,
nachdem man Jahrzehnte lang auf die gleiche Weise mit sexuellen Phantasien oder
auf die Belohnung durch den Orgasmus konzentriert funktioniert hat. Alte Muster
hinter sich lassen. Es ist sehr wichtig sich als Paar klar zu machen, daß
es eine Kunst ist, das Liebemachen zu verändern . Es ist kein kleiner
Ausflug, sondern eine lange Reise. Diese Reise besteht aus viele kleinen
Schritten, die manchmal eine große Wirkung haben können. Aber je
mehr wir mit den Schlüsseln der Liebe experimentieren, desto mehr
können wir üben, uns von unseren eingefahrenen Verhaltensweisen zu
entfernen und ganz bei dem zu sein, was im jetzigen Moment geschieht. Es ist
eine Übung, bei der wir immer wieder zu unserem Körper
zurückkommen. Manchmal gelingt es uns und manchmal nicht. Manchmal wird
der Wunsch nach einem Orgasmus zu stark, dann laßt euch bitte nicht davon
abhalten und genießt ihn.
Seid euch aber
gleichzeitig bewußt, was geschieht und daß ihr euch dafür
entschieden habt. Das allein ist ein enormer Schritt. Es bringt
Bewußtheit in den Vorgang. Und je geübter wir darin werden,
während des Liebemachens präsent und in unserem Körper zu sein,
nicht mehr nur darauf aus, etwas zu tun, sondern glücklich sind, einfach
zu sein, desto mehr wird es uns gelingen, die Bewußtheit und
Sensitivität unseres Körpers wiederzugewinnen.
Die
"Schlüssel zur Liebe" werden deine Verbindung mit deinem Partner
stärken und eine neue Intimität zwischen euch entstehen lassen. Es
ist, als würdet ihr eine neue Sprache entwickeln, ein solides Fundament
für die Liebe. Die durch die "Schlüssel zur Liebe"
geförderte Bewußtheit wird euch entspannen lassen und euch mehr Zeit
geben auf das zu fokussieren, was gerade in eurem Körper, ganz besonders
zwischen Penis und Vagina geschieht. Wenn sich die Empfindungsfähigkeit
der Genitalien erhöht und die Polarität sich langsam herstellt,
beginnen die positiven und negativen Pole aufeinander zu reagieren und geraten
in eine wunderbare Schwingung. Der Sex ist wieder da angekommen, wo er
hingehört, nämlich in dem Körper; er hat nichts mehr mit dem
Kopf zu tun.
Laßt euch
Zeit, um Stille zu schaffen
Aber das geht nicht von
heute auf morgen. Wenn ihr eine neue Art und Weise erlernt, eure Genitalien zu
spüren, so habt ihr am Anfang vielleicht Schwierigkeiten, überhaupt
etwas zu fühlen. Schon der Versuch, etwas zu fühlen, kann eine
große Anstrengung bedeuten. Bis zu diesem Zeitpunkt waren unsere
sexuellen Erfahrungen immer von einer Menge Reibung abhängig. Aber jetzt
suchen wir nach einer Feinfühligkeit, die über diese
oberflächlichen Sinneseindrücke hinausgeht. Ihr kommt mit einer sehr
viel feineren Ebene in Kontakt, und die leuchtet und sprüht vor Leben und
ist viel befriedigender. Und obwohl ihr niemals eure Erregbarkeit verlieren
werdet, laßt ihr doch die anfängliche Intensität und das
Überwältigende dieser Erregung hinter euch. Es ist fast so, als
schreite man darunter hindurch. Man muß sowohl den Körper wie auch
den Geist verlangsamen und dadurch genug Ruhe schaffen, um etwas so Subtiles zu
spüren, etwas das vorher kaum wahrnehmbar war. Um diesen Grad an
Sensitivität zu erreichen braucht man Zeit und Hingabe an den Lernvorgang.
Aber es lohnt sich ganz ungeheuer.
Wenn du beginnst, die
"Schlüssel zur Liebe" zu benutzen, wirst du dich ausgeliefert,
verletzlich und vielleicht ein wenig unsicher fühlen. Das ist nur
natürlich, denn du beginnst zu deiner eigenen Unschuld vorzudringen. Es
ist, als gelangtest du wieder in diesen Zustand kindlich staunender Unschuld,
gegenwärtig und spielerisch, und würdest jetzt zum ersten Mal Liebe
machen. Es ist eine neue Landschaft mit ungewohnten Farben. Wenn du dich ein
bißchen unbehaglich fühlst oder schämst oder dir ein wenig
albern vorkommst, dann lache ruhig darüber. Oft schon habe ich wilde
unkontrollierbare Lachanfälle bekommen und mich danach viel besser
gefühlt, viel lebendiger und entspannter. Wenn du traurig bist, dann
laß die Tränen fließen, und sei dankbar, daß du weinen
kannst, halte sie nicht zurück. Durch Lachen und Weinen werden innere
Spannungen gelöst, und wenn man ihnen Ausdruck verleiht, kommt man leicht
in einen tiefen, entspannten, authentischeren Bereich, was die Voraussetzung
für Intimität und Befriedigung beim Liebemachen bedeutet.Laßt
es spielerisch Gestalt annehmen, so daß wir zwar echt aber nicht
ernsthaft sind. Und dazwischen besteht ein himmelweiter Unterschied. Echtheit
entspringt dem Herzen und Ernsthaftigkeit dem Kopf. Echtheit versucht und
probiert aus, während Ernsthaftigkeit ein idiotensicheres Rezept haben
möchte.
Mit den
"Schlüsseln zur Liebe" spielen, ähnelt ein wenig dem
Schälen einer Zwiebel. Auf jede Schale oder Schicht folgt eine
nächste, immer wieder gibt es einen neuen Schritt nach innen zur
Herrlichkeit der völligen körperlichen Entspannung. Wenn du und dein
Geliebter entspannt und spielerisch miteinander umgehen und ausprobieren
könnt, und wenn ihr bereit seid euch aufeinander einzulassen, kann die
Liebe tief in euch eindringen. Irgendwann wirst du feststellen, daß du
durch dein Bewußtsein Liebe erzeugen kannst, daß die Liebe kein
wilder Sturmwind ist, der dich ohne deine bewußte Kontrolle
überkommt und umweht, sondern daß du es in der Hand hast.
Experimentiert und
probiert aus
Um mit Sex
experimentieren zu können, brauchen wir eine neue Einstellung und eine
liebevolle Haltung. Als Paar müssen wir genug Neugier entwickeln, um
unsere Gewohnheiten beim Liebemachen in Frage zu stellen. Das bedeutet,
daß wir wahrscheinlich manches aufgeben müssen, was wir bisher sehr
genossen haben. Da der Sex für die meisten von uns zu einem ziemlich
mechanischen Hinter-dem-Orgasmus-Herjagen geworden ist ? und viele sind bereit
zuzugeben, daß das zu einer Art Sucht geworden ist ? müssen wir
einander dabei unterstützen, aus den mechanischen oder
"Tun"-Aspekten des Sex auszubrechen oder sie loszulassen. Und wenn
wir weiterhin unser Hauptaugenmerk nur auf die "Bonbons" beim Sex
richten und darauf, was wir alles aufgeben müssen, fällt es uns
schwer zu erkennen, was wir dabei gewinnen.
Oft entsteht ein
luftleerer Raum zwischen dem Loslassen des Alten und dem Gewinnen des Neuen;
daher brauchen wir Geduld und Bereitwilligkeit, um unsere alten Muster
aufzugeben, und eine spielerische, ehrliche Haltung, um uns auf das Neue
vorzubereiten. Wenn wir uns auf Ausprobieren und Unerwartetes einlassen, ist es
unerläßlich, daß beide Partner eine ähnliche Einstellung
haben, um ein enges Zusammenkommen bei den gemeinsamen Entdeckungen zu
ermöglichen. Es mag zum Beispiel eine Herausforderung sein, mitten in der
sexuellen Lust und Erregung für Experimente offen zu bleiben. Du
fühlst vielleicht einen plötzlichen unwiderstehlichen Drang zum
Orgasmus zu kommen ? in dem Moment scheint es nichts Wichtigeres zu geben. Aber
wenn dein Partner dir dann helfen kann, ins "Jetzt"
zurückzukommen, dann hast du die Möglichkeit zu entspannen und den
großen Schritt zu machen, von diesem zwanghaften Drang abzulassen. Und so
kann das Mysterium des Sex sich dir enthüllen. Diese Art von
Unterstützung und Bewußtheit durch den Partner ist essentiell, wenn
man in der Liebe wachsen und Klarheit in die sexuellen Erfahrungen bringen
will. Wenn Paare im Sinne dieses Zusammengehens Liebe machen, helfen sie
einander und lernen mit- und voneinander.
Zusammen können
sie den Weg der Entspannung im Sex entdecken. Alleine geht das nicht. Wenn ein
Partner immer wieder die Bemühungen des anderen unterminiert, ist es
geradezu unmöglich, die unbewußten sexuellen Aspekte hinter sich zu
lassen. Ohne gemeinsame Bereitwilligkeit wird es schwierig, neues Terrain zu
erforschen.Gleich von Anfang an müßt ihr euch beide verletzlich
machen, müßt ihr beide wagen zuzugeben, daß ihr nicht viel vom
Liebemachen wißt, obwohl ihr es wahrscheinlich schon tausendmal getan
habt. Eine Frau, mit der ich gearbeitet habe, stellte sich mit den Worten vor,
daß sie mindestens schon dreieinhalbtausend Mal auf die selbe Art Liebe
gemacht hatte und daß sie da sei, um zu entdecken, was sonst noch
möglich sei. Wenn nicht beide Partner willens sind, Neuland zu entdecken
indem sie alte sexuelle Gewohnheiten in Frage stellen, so führt das leicht
zu einem Mangel an Verletzlichkeit. Wenn du glaubst, daß du schon alles
kennst, was zum Liebemachen nötig ist und weißt, wie diese
mysteriöse Energie wirkt, dann ist kein Platz für andere,
möglicherweise feinere und aufbauendere Erfahrungen. Stattdessen
mußt du bereit und willens sein, all deine Gefühle zuzulassen und
deine Unsicherheiten und Ängste im Sex bloßzulegen. Wenn du in
deinem Denken zu festgefahren bist, kann das höhere orgasmische Potential
im Sex nicht realisiert werden.
Verbannt Regeln aus
dem Schafzimmer
Wir dürfen nicht
vergessen, daß es absolut keine Regeln dafür gibt, wie man Liebe
macht. Wenn ihr die "Schlüssel zur Liebe" benutzen wollt, so
geht es vor allem um Bewußtheit. Durch Bewußtheit sind wir in der
Lage, neue Erfahrungen zu machen und zu lernen. Wir lernen durch eigene
Erfahrungen. Wenn uns aber Regeln von außen übergestülpt
werden, so werden wir uns früher oder später dagegen auflehnen. Es
ist die unterminierende Tendenz des Verstandes, an rigiden Ideen festzuhalten,
besonders wenn wir uns nicht sicher sind, was als nächstes geschehen wird.
Wenn man etwas tun muß, so ist es nicht das gleiche, wie den Wert einer
Handlung durch Experimentieren selbst zu entdecken. "So stimmt es für
mich", klingt ganz anders als: "Ich muß". Eine Frau
orientiert sich sehr leicht an Regeln, denn meist ist sie der körperlich
weniger agierende Partner und weniger Tun ist anfänglich einfacher
für sie. Ich habe sehr oft Frauen kennengelernt, die den Zeigefinger
anklagend erhoben, ihrem Partner Regeln aufbrummen, anstatt ihre eigene
Verletzlichkeit in der Situation zu zeigen. Der Mann, der sich getadelt und in
seinem Ego bedroht fühlt, wird damit reagieren, daß er rebelliert
und sich letztendlich verweigert.
Wenn bei einem neuen,
unbekannten sexuellen Weg Unsicherheiten auftauchen, hat Tantra nicht etwa
Vorschriften, sondern Vorschläge zu machen: "Laß es uns mal
versuchen", können wir sagen. Und wenn wir es dann tun, machen wir
konkrete Erfahrungen und sind dadurch imstande, unsere eigene Orientierung und
Richtlinien zu finden. Wir sind zwei Menschen, die als Einheit zusammenarbeiten
und wie Wissenschaftler mit unersättlicher Neugier die
Mißverständnisse der Jahrhunderte aufdecken. Geduld, Liebe,
gegenseitige Achtung und Verstehen sind die Methoden von Tantra.
Probiert die zu euch
passenden "Schlüssel zur Liebe" aus
In Teil 2 findet ihr
die "Schlüssel zur Liebe" unter neun Überschriften
aufgelistet: die Augen, der Atem, Kommunikation, genitales Bewußtsein,
Berührung, Entspannung, weiche Penetration, tiefe Penetration und
rotierende Positionen. Jeder der "Schlüssel zur Liebe" hilft uns
dabei, durch den Körper in den gegenwärtigen Moment zu gelangen. Wenn
ihr die einzelnen Kapitel zu den Schlüsseln zur Liebe lest, werdet ihr
bemerken, daß in jedem Schlüssel andere Schlüssel enthalten
sind. Jeder "Schlüssel zur Liebe" enthält eine Reihe von
praktischen Vorschlägen, die ihr sofort in euer Liebesspiel aufnehmen
könnt. Diese Kapitel enthalten eine Menge Material; glaubt also nicht,
daß ihr alle neun "Schlüssel zur Liebe" ständig
anwenden müßt, das würde euch überfordern. Nehmt einfach
wahr, welche Liebesschlüssel beim Lesen besonders auf euch wirken, welche
sich für euch richtig anfühlen, welche euch neugierig werden lassen.
Und mit denen fangt ihr an. Wenn ihr euch nach und nach mit ihnen vertraut
fühlt, könnt ihr wieder neue aufnehmen. Auch werdet ihr
wahrscheinlich, wenn ihr schon eine Zeitlang experimentiert habt, die neuen
Dinge sinnvoller finden, sie besser verstehen oder euch für etwas
interessieren, was euch vorher völlig kalt gelassen hat.
Es ist ein
einzigartiger Tanz, eine Reise, ein Abenteuer. Während des Ausprobierens
werden sich eure Erfahrungen und damit eure Wahrnehmungen vertiefen. Sogar wenn
ihr anfangs nur zwei beliebige Liebesschlüssel in euer Liebesspiel
aufnehmt, wenn ihr euch zum Beispiel in die Augen schaut und tief und langsam
atmet, werdet ihr höchstwahrscheinlich eine bessere Qualität beim
Liebemachen erleben. Ihr braucht also nicht alles gleichzeitig auf- und
anzunehmen, es bleibt euch überlassen eine Auswahl zu treffen.
Außerdem ist es ein Lernprozeß, der seine Zeit braucht, denn vor
uns liegt kein plötzlicher Bruch, sondern eine
Bewußtseinsveränderung. Ein Paar erzählte mir ein Jahr nach
seinem ersten Workshop, daß sie mit den "Schlüsseln zur
Liebe" ausgiebig experimentiert hatten, aber immer noch großes
Vergnügen an ihrem Orgasmus hätten. Die Liebesschlüssel
versetzten sie in die Lage, präsenter und liebevoller zu sein und das
Liebemachen länger auszudehnen, was ganz wunderbar sei. Und dann
gönnten sie sich sozusagen als krönenden Abschluß einen
Orgasmus. Sie nahmen an einem weiteren Workshop teil und setzten danach ihre
Experimente fort. Zweieinhalb Jahre nach unserem ersten Treffen sagte die Frau
eines Tages am Telephon zu mir: "Weißt du, wir haben beide kein
Interesse mehr am Orgasmus. Es ist kaum zu fassen, denn er war uns immer so
wichtig. Aber langsam haben wir entdeckt, wie wir "hier" sein
können. Es ist so viel schöner, viel relaxter. Was soll da noch der
Orgasmus! Und wir sind sehr glücklich, sehr verliebt."
Das Schöne an der
Sache ist, wenn erst einmal Bewußtheit in den Sexakt gekommen ist, wird
eine Entwicklung in Gang gesetzt, bei der die alten Verhaltensmuster und
Gewohnheiten langsam ganz von selbst aus dem System entfernt werden. Es gibt so
viele neue Erfahrungen und das Bewußtsein vertieft sich. Habt also keine
Angst, einige der "Schlüssel zur Liebe" auszuprobieren,
während ihr Liebe macht. Versucht es mal mit einem oder zwei und
beobachtet, was geschieht. Wenn ihr als Paar experimentiert, dann besprecht
zuerst, womit ihr anfangen wollt. Wenn beide Partner dieselben
"Schlüssel zur Liebe" benutzen, etwa den Atem und die Verbindung
der positiven Pole, so wird sich die Wirkung auf die sexuelle Energie
verstärken, aber das ist nicht wesentlich.Sogar wenn ihr euch nicht vorher
entschieden habt oder wenn jemand keinen festen sexuellen Partner hat, mit dem
er oder sie experimentieren kann, könnt ihr euch doch ganz plötzlich
dazu inspiriert fühlen, etwas auszuprobieren. Vielleicht erlebt ihr eine
Überraschung. Als eine Freundin von mir in einem Workshop hörte,
daß die Entspannung durch die "Schlüssel zur Liebe" auch
eine Entspannung der vaginalen Muskeln beinhaltete, wollte sie das nicht recht
glauben. Sie sagte damals nichts darüber, aber als sie später mit
ihrem Partner experimentierte, erinnerte sie sich daran und beschloß es
auszuprobieren. Sie entspannte ganz bewußt ihre Vagina. Diese weitete und
öffnete sich, und der Penis drang, stoßend seinen Weg erkundend und
geradezu dankbar vor Entzücken, augenblicklich in ihre ganze Tiefe.
Wenn du einen
speziellen Liebesschlüssel ausgewählt hast, mit dem du spielen
willst, dann verbreite dein Bewußtsein immer weiter durch den ganzen
Körper. Wenn du dir zum Beispiel ausgesucht hast, dich auf den positiven
Pol zu konzentrieren, dann bleibe nicht alleine auf diesen Bereich fixiert.
Laß es nicht so weit kommen, daß du nichts anderes mehr wahrnimmst,
so daß es statt eines schmelzenden Entspannens im Körper zu einer
Fixierung und damit einer Spannung kommt. Wenn du merkst, daß du zu viel
dabei denken mußt, dann entspanne dein Gehirn, stell dir einfach vor, wie
es sich aufblättert und ausweitet. Fege mit deiner Bewußtheit durch
den gesamten Körper, von Kopf bis Fuß und wieder zurück, wobei
du die Verbindung der Körperteile zum Ganzen fühlst. Das verbreitet
und erweitert die sexuelle Energie und macht den Körper zu einer
organischen Einheit.
Wie die
"Schlüssel zur Liebe" dir helfen, deine Beziehung zu verbessern
Tantra schlägt drei Methoden vor, wie wir uns der zähen Schicht
unserer gefühlsarmen, unwissenden Vergangenheit entledigen, unsere
Sexualität erforschen und uns wirksam reinigen oder von unbewußten
sexuellen Verhaltensmustern dekonditionieren können, die die Qualität
der Liebe in unserem Leben beeinträchtigen. Dabei sind die
"Schlüssel zur Liebe" ein wichtiges Hilfsmittel. Die erste
Methode ist, die Gewohnheit in Frage zu stellen, für einen Orgasmus zu
gehen. Es ist wichtig, sich klar zu machen, daß wir grundsätzlich
abwesend und uns selbst ein paar Schritte voraus und dadurch relativ
unbewußt sind, wenn wir dafür gehen. Die zweite ist, beim Sex einen
Wechsel vom Tun zum Sein zu vollziehen. Macht euch auch klar, daß wir,
selbst wenn wir am Orgasmus selber gar nicht so interessiert sind, uns dennoch
verpflichtet fühlen etwas zu unternehmen, um ein sexuelles Erlebnis zu
haben. Die dritte ist, unsere ursprüngliche genitale Feinfühligkeit
(die magnetische Intelligenz) durch Entspannung und Bewußtsein im
gegenwärtigen Moment wiederherzustellen.Das ist ein wechselseitiger
Vorgang. Je mehr man seine Muster in Frage stellt, desto leichter wird die
genitale Feinfühligkeit wiederhergestellt. Je mehr Bewußtheit du in
deine angeborene genitale Intelligenz investierst, desto leichter fällt es
dir, deine Muster zu verändern. An manchen Tagen magst du dich auf den
einen Aspekt konzentrieren, an andern Tagen auf den anderen. Es ist eine
komplette Umerziehung im Sex, die dadurch geschieht, daß du Liebe machst,
und nicht dadurch, daß du etwas mit dem Verstand begreifst. Je
geübter wir darin werden, uns in unsere sexuelle Energie fallen zu lassen
und einfach zu "sein", desto mehr verlieren viele alte emotionale
Muster, Gewohnheiten, Reaktionen und Probleme ihre Daseinsberechtigung, Durch
den silbernen Faden der Bewußtheit, der sich durch den Körper zieht,
wird der Hang zur Unbewußtheit allmählich außer Kraft gesetzt
und die dadurch verschwendete Energie zurückgewonnen.
Schlüsselpunkte:
- Die
"Schlüssel zur Liebe" stärken deine Verbindung mit deinem
Partner.
- Neugier und
Kooperationsgeist sind wesentlich beim Experimentieren.
- Schaffe durch
unmittelbare körperliche Sensitivität mehr Raum in deinem Inneren.
- Laß deine
Erfahrungen dich lehren und leiten.
- Eine
Bewußtseinsveränderung ist ein allmählicher Prozeß, der
dir sexuelle Ekstase offenbart. |
1999© Diana
Richardson |